| Wer sind wir - Prediten - Karfreitag 2000 |
Karfreitagspredigt über Johannes 19,16-30 (am 21.4.2000 Kirche Stettlen) Der Anblick, der sich uns hier bietet, der Gekreuzigte, das Würfelspiel der Henker um sein Kleid - sein Abschied von der Mutter, sein Schrei nach Wasser, und schliesslich sein Tod - dieser Anblick ist zunächst wie ein Ausschnitt aus der Welt, in der wir leben - fast schon alltäglich und vertraut. Bewegt uns heute noch ein solches Szenario, wo wir doch ständig in frivoler, ja obszöner Weise überspült werden mit viel schlimmeren Bildern, und uns dementsprechend schon eine dicke Haut zugelegt haben? Wir können ja das alles, was da massiert täglich auf uns einstürzt, gar nicht in uns eindringen, uns im Innersten davon berühren lassen! Was damals auf Golgotha geschah, wird heute tausend-, ja millionenfach überboten an Grausamkeit und Zynismus. Gott weiss, wo in diesem Moment, da wir hier in unserer Stettler Kirche Gottesdienst feiern, verdurstet und verschmachtet, gequält und gefoltert und geschlagen wird. Aber wenn es auch an jenem Karfreitag um einen Ausschnitt aus der Welt geht, in der wir leben, so geht es doch noch um etwas anderes. Das Geheimnis der Ewigkeit liegt in besonderer Weise ausgebreitet über Golgotha. Der hier blutig misshandelt wird, ist nicht irgendeiner, sondern um ihn hat es eine besondere Bewandtnis. Wenn auch die Marter jedes Menschen Gott trifft und zu Herzen geht, dann ist bei jener Marter auf Golgotha Gott in besonderer Weise beteiligt. Es ist ja Gott selber, der hier gequält und geschunden wird. Es ist Gott selber, der sich von Menschenhänden an ein Kreuz heften lässt - es ist Gott selber, der zulässt, dass Henker um den Rock Christi das Los werfen und seine Effekten teilen. Es ist Gott, der Abschied nimmt von der Mutter, der hier ruft: 'Mich dürstet." Der dann später in Grabtücher eingewickelt und bestattet wird. Seitdem bildet das Kreuzzeichen ein neues Symbol in der Welt: an ihm gibt es kein Vorübergehen mehr! Wer die Frage nach dem Sinn des Leidens stellt, der schaue nur auf dieses Kreuz und auf den leidenden Christus! Das Kreuz - es ist die Antwort der Welt auf die Liebe Gottes, und Gott, indem er das Kreuz auf sich nimmt, geht damit den Weg der ohnmächtigen Liebe bis in die letzte Konsequenz. Hier hat einer sein Leiden und Kreuz angenommen, er hat losgelassen - in einer unerhörten Freiheit. leer hat einer gesagt: Ich bin bereit, im Sterben und im Tod einzulösen, wofür ich eingestanden bin, wofür ich gelebt und gekämpft habe. Nämlich für Gewaltlosigkeit, Liebe und Versöhnung. So gab der leidende und sterbende Christus dem Leiden und Sterben einen Sinn und eine Hoffnung. "Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen." Er hat's selber durchlebt und durchlitten, er weiss, worum es geht in Krankheit und Schmerzen. Er kann mitreden, mitfühlen, verstehen, denn er ist getroffen und betroffen, hat sich hineinziehen lassen in all das, was uns widerfährt im Leben. Und das, indem er nicht auswich, sondern auf sich nahm, annahm. Schmerzen ertragen, eine Krankheit erleiden, womöglich längere Zeit krank sein müssen bedeutet nun nicht mehr: ich bin nichts mehr wert, denn ich kann ja nun nichts mehr leisten! An Ende lernen wir, in schweren Zeiten nicht einfach nur abzuwehren, auszuweichen und zu verdrängen, sondern nachzufragen: Was will mir diese Krankheit sagen, was will nur Gott darin zeigen? Wir lernen standhalten und annehmen. Und wir entdecken sogar, dass Krankheitszeiten bedeutende Strecken in unserem Leben sein können, die uns weiterbringen - Signale, die uns auf wichtige Dinge hinweisen wollen. "Seht, welch ein Mensch!" In IHM geschah die Versöhnung der Welt mit Gott. Nicht durch Zerstörung und Zertrümmerung, sondern durch Versöhnung wird die Welt überwunden. Nicht Ideale, Programme, - nicht Gewissen, Pflicht, Verantwortung, Moral und Tugend, - sondern ganz allein die vollkommene Liebe vermag der Wirklichkeit zu begegnen und sie zu überwinden. Diese Liebe Gottes zieht sich nicht aus der Welt zurück in entrückte, edle Seelen, sondern sie erfährt und erleidet die Wirklichkeit der Welt aufs härteste. Am Leibe Christi tobt sich die Welt aus - der Gemarterte aber vergibt der Welt ihre Schuld. So geschieht Versöhnung - Die Gestalt des Versöhners Jesus Christus tritt in die Mitte zwischen Gott und die Welt, tritt in den Mittelpunkt allen Geschehens. Kein Abgrund der Welt und des Bösen kann uns nun mehr von Gott trennen, im Abgrund von Gottes Liebe ist das alles überwunden. Und diese versöhnende Liebe Gottes dürfen wir zeichenhaft und handfest erfahren, wenn wir nachher gemeinsam das Abendmahl feiern. Das Kreuz Jesu Christi begegnet uns heute wieder neu als Herausforderung, Menschen zu werden, wie Gott sie dachte und wollte, - in einer immer unmenschlicher werdenden Welt. Darauf, denke ich, wollte auch Lothar Zenetti mit seinen Versen aufmerksam machen, die er mit "Besinnung" überschrieben hat: Das Kreuz durchkreuzt Was keiner wagt, das sollt ihr wagen was keiner sagt, das sagt heraus was keiner denkt, das wagt zu denken was keiner anfängt, das führt aus Wenn keiner ja sagt, sollt ihr's sagen wenn keiner nein sagt, sagt doch nein wenn alle zweifeln, wagt zu glauben wenn alle mittun, steht allein Wo alle loben, habt Bedenken wo alle spotten, spottet nicht wo alle geizen, wagt zu schenken wo alles dunkel ist, macht Licht Das Kreuz des Jesus Christus durchkreuzt, was ist und macht alles neu. A m e n. 20.04.00/wl/pr52 |